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GRAVY
TRAIN hatten mit ihrem 1970er Debüt eines meiner frühen Lieblingsalben
jener Tage abgeliefert, ein Mix aus dramatischem Hardrock, progressiven
und folkigen Flöten, brodelnder Psychedelik und einem Schuß Blues. Nun
hatten wir damals eben 1970 und die progressive Rockmusik war erst kurz
davor, aus ihren Kinderschuhen auszubrechen. 1974, der Progrock hatte
Hochkonjunktur und ich kam als einziges Kind meiner Eltern in einer
lauen Sommernacht auf die Welt, waren GRAVY TRAIN schon meilenweit von
progressiven Klängen entfernt.
Hardrockiger Mainstreamsound mit ab und zu spacigem Einschlag wurde
geboten. Der Opener „Starbright starlight“ war ein straight groovender
Rocker mit eingängiger Melodie und einem mittelschnell anschubsenden
Beat aus rhythmischen Orgelriffs, pumpendem Bass, hart geschlagener
Akustikgitarre und schlacksigem Drumming. Zum Ende hin zirpen sphärische
Synthieläufe darüber hinweg, was die Affinität zum Spacerock klarmachen
soll. Eine gute Partynummer, sicher, man merkt aber schon, daß
kompositorisch die Luft langsam dünn wurde.
Ausgedünnt war sie dann gleich mit dem zweiten Song „Bringing life back
to me“, einer schmalzigen Schmachtballade mit etwas mehr Dramatik im
Refrain, allerdings auch aufgeblasenen Gospelchören an selbiger Stelle.
Geschmeidig, radiotauglich, platt, aber doch nett zu hören. Das hätten
NAZARETH nicht schmachtender hinbekommen. Seufz! Eigentlich ist sowas
schon wirklich aus, wenn man sich das Debüt vor Augen hält, aber ich mag
nach wie vor die angerauhte, charismatische Stimme des Sängers und ich
gehöre auch zu den Leuten, die guten Mainstreamrock der 70er vertragen,
so z.B. das 73er „Get your dog off me“ Album der Ex Progger BEGGAR’S
OPERA oder eben diesen Schmalztopf. Paßt schon, paßt schon. Reich und
berühmt sind sie damit nicht geworden.
Aber zum Glück ist das Geschmachte rasch vorüber und treibender Rock
setzt ein. Boogey, Blues, recht flott gespielt. Die Gitarre könnte
allerdings etwas mehr braten und was ist das da perlendes im
Hintergrund? Ein E Piano? Eine Orgel? Ich weiß es nicht. Der Song hat
ordentlich Schmackes, trotz der Mundharmonika und der fehlenden
Hardrockgitarre. „Never wanted you“ hat einen leicht verspielten
Mittelteil, der sich langsam immer mehr steigert und dann wieder in
schwelgerischem Mellotronpomp landet. Aber schön gemacht! Coole Screams
des Sängers und doch einige energiereichere, aber nicht direkt „heavy“
zu nennende Passagen.
Der Titelsong bringt die vom Debüt her liebgewonnene Melancholie mit
unverzerrter Gitarre und betörenden Flötenläufen, die später Unisono mit
der Gitarre laufen, zurück. Verträumte Psychedelic, melancholischer Pop
der späten 60er, ein wenig folkige Atmosphäre mit Wurzeln im
viktorianischen England, eine sehr schöne Regenwetternummer, eingängig
aber doch mit Substanz und viel Gefühl, sehr einprägsam auch. Zwar nicht
innovativ, aber einfach nur schön. Die betörende Leadgitarre verweist
auf die großen Brüder PINK FLOYD, während man doch insgesamt mehr Pop in
sich trägt. Verglichen mit der aktuellen Chartmusik, selbst dem80er
Plastikmainstreamrock und den Schlagern der 70er ist das hier ganz
großes Kino und auch ohne jetzt schlechte Musik heranzuziehen, um diese
Scheibe besser dastehen zu lassen, dieser Song kann echt was. Analoge
Synthies verschönern die Atmosphäre noch zusehends, das Mellotron und „Aaaah“
– Chöre treten hinzu. Natürlich ist das reichlich bombastisch und
irgendwie in Gigantomanie versunken, aber solange dabei solche fetten
Songs rauskommen gehe ich mit den Komponisten konform.
Mittelschnell dahinschlendernder Hardrock, sehr entspannt und cool, wird
einem mit „Going for a quick one“ geboten. Alles klar, ein Ficksong, wie
er im Buche steht. Ebenfalls nicht herausragend, aber packend genug, um
mich zu überzeugen. Ein paar Choreinlagen und ein wenig Pomp sind auch
hier nicht fehl am Platze, obschon es die Band wirklich erdiger angehen
lässt. Auf einmal sind alle Instrumente ausser dem Schlagzeug fort, dann
setzt das Grundthema wieder ein und darüber soliert ein analoger
Moogsynthesizer.
GRAVY TRAIN hatten wohl schon mit dem Vorgängeralbum einen elenden
Reinfall hingelegt und waren kompositorisch wohl wieder auf dem
aufsteigenden Ast. Nun kenne ich „Second birth“ nicht und irgendwie will
ich das auch nicht. Die beiden progressiven Frühwerke auf dem VERTIGO
Label und dieses zweite Album auf PYE reichen völlig.
„The last day“ ist mehrteilig aufgebaut, straighter, entspannter Rock
mit folkigen, spacigen, epischen und sehr peacigen Melodien im
Anfangspart, wo akustische Gitarren über relaxten Bass – und
Schlagzeugläufen eine üppige Grundlage für den gequälten, rauhen Gesang
liefern. Dann ein Gitarrenübergang und schon schwebt man über einem
stampfenden Beat dahin, wo Gesang und Flöte ein wenig freakiger,
schräger daherkommen. Entwarnung, man landet wieder in der
Eingangspassage. Dieses Stück ist auf jeden Fall eine sehr schöne
Spacehymne ohne zu harte Gitarren.
Und noch mehr Melancholie. Ein Klavierthema eröffnet „Evening of my
life“, ein E Piano steigt ein, spielt über den Grundlauf eine schöne
Leitmelodie. Dann schwelgt man in bombastischem Schönklang, einer
absoluten Superballade, die ELTON JOHN nicht gewaltiger hinbekommen
hätte, wohl aber mit weniger Substanz servieren würde. Auch wenn das
alles schon zu sehr nach fluffigem Soundmuskelspiel klingt, es ist nicht
schlecht, aber sehr kurz.
Rockig wird es nochmals zum Schluß, mittelschnell, schlendernd vom Beat
her, obercool und trotz der wohlvertrauten Kompositionsweise mitreißend
und einprägsam. Ein schöner Kraftrock zum Ende mit jaulender Gitarre,
verzerrter Slideklampfe für die Soli. Ein Boogeykracher mit Bombastchor
im Refrain. Das Ding wird Proggern nicht reingehen, ich find es klasse.
Im Mittelteil bricht der Song dann aus sich selbst heraus in einen
wirbelnden Hardrockpart, der sich hypnotisch – monoton zu einem wahren
Inferno hinsteigert. Das war mal sehr angesagt, hehehe, aber hey, ob nun
1969 oder 1974, es verfehlt seine Wirkung nicht. Mellotronleads sind
auch diesem Song nicht fremd, was absolut rockt. Ja, verdammt. „Busted
in Schenectady“ rockt komplett. Dann bricht der Song auf einmal ab und
man wähnt sich bereits am Ende der Scheibe, aber nein, eine
Wahwahgitarre überzeugt einem vom Gegenteil, ein entspannter Groove
tritt auf. Funkiger Hardrock? Bitte, paßt schon, wenn es denn so cool
gemacht ist wie hier. Absolute Hymne zum Schluß der LP mit irrsinnigen
Schreien.
Eigentlich hätten es GRAVY TRAIN mit diesem Album schaffen sollen, weiß
der Schinder, warum es ihnen nicht gelang. Schlechter als NAZARETH auf
deren besten Alben waren sie nicht. Eher noch weniger oberflächlich.
Schade drum. Wenn man die Scheibe mal bei Ebay oder im Second Hand Laden
sieht und gerade Lust auf 70er Prog / Pomp / Hardrock hat, sofort
zulangen. |