|
In
England gab es 1979 bis 1981 die NwoBHM, welche in ihrer gesamten Pracht
auch gen USA schwappte und dort Bands wie METALLICA maßgeblich
beeinflussen sollte. Dass aber die amerikanische Heavy Metal Szene 1981
gar nicht so schlecht bestückt war, wurde in Europa nur am Rande
wahrgenommen. Klar, die Phreaks haben sich RIOT mit ihren Guy Speranza
Alben angehört, sie mochten die RODS und VAN HALEN, eventuell noch KISS.
Aber sonst? Nun, der Underground war voll mit Bands, die es an
Eigenständigkeit und Ausdruckskraft locker mit den Briten haben
aufnehmen können. AMULET (1980), CRYSYS (1981), WHITE BOY & THE AVERAGE
RAT BAND (1980), IMPECKABLE (1979), SURVIVOR (1979, nicht die Band mit
EYE OF THE TIGER) oder eben LODESTONE von 1981. Die meisten dieser
Kapellen waren allerdings absolute Undergroundbands, die ihre Platten
schön selbst veröffentlichen mussten, da sich trotz musikalischer Klasse
kein Label finden lassen wollte. So auch bei LODESTONE.
Die Musik der Band war recht erdig und heavy, hatte viele
Hardrockelemente in sich, aber auch schon ein Gefühl für frühen Heavy
Metal. Der Sänger gehörte zu diesen mittelhohen, helleren Stimmen, die
mit viel Charisma und Gefühl, dafür weniger technischer Perfektion der
Band ihr Gesicht gaben. Die ersten beiden Songs „Nomad“ und „Golden rod“
sind mittelschnelle Fetzer mit durchgehend jaulender Leadgitarre und
schweren, sägenden Riffs, die sehr cool und erdig in den Körper des
geneigten Heavyrockers fuhren, um ihn wie in Trance umherspringen zu
lassen. Bodenständig und dabei packend, unkompliziert, aber
geschmackvoll inszeniert, so präsentiert sich die Band.
Der dritte Song „And then I met you“ beginnt als melancholische,
herrlich unkitschige Ballade, explodiert jedoch nach der Hälfte der
Spielzeit in einen ebenfalls mittelschnellen Heavy Metal Sound hinein,
der durchaus auch von der britischen Insel hätte stammen können. Sehr
schön ist die Tatsache, dass hier bei den Aufnahmen nicht mit mehr
Spuren gearbeitet wurde, als dass man Instrumente hatte. So gibt es
einen längeren Solopart, bei dem sich die Leadgitarre über einem
straighten Lauf aus Bass und Schlagzeug ordentlich austoben und in
wildesten Eruptionen ergehen darf. Wer hierbei nicht rücklings auf dem
Boden liegt und ekstatisch zuckend die Luftgitarre mitzupft, hat wohl
auch kein Gespür für die Ursprünge des Heavy Metal. Gigantisch!
Insgesamt hat dieser metallische Ablauf einen sehr epischen Ausdruck,
eigentlich sogar der ganze Song. Die Stimmung ist eher gedämmt,
nachdenklich und sehr intensiv.
Kommen wir nochmal zum Sound. Der ist natürlich ruppig und kann sich mit
den heutigen Hochglanzdigitalproduktionen nicht messen, zeigt aber
erstens wesentlich ehrlicher die Band hinter der Musik, zeigt die
eigentliche Substanz der Songs, lässt das Album seine Power alleine
schon aus den Kompositionen heraus gewinnen. Der rohe Klang dürfte
NwoBHM Fanatiker aber nicht stören. Nächster Song, „Take me there“,
eingeleitet von einem dramatischen, verspielten Part mit mystischen
Synthesizermelodien, geht er in einen zurückhaltend tänzelnden, dunklen
Hardrocker über, auch hier mit sehr intensiven Synthesizerläufen, die
eine düstere, geheimnisvolle Stimmung verbreiten. Ein sehr magischer
Song, der es auch auf eine der ersten beiden MANILLA ROAD Scheiben oder
das Debüt der englischen LEGEND hätte bringen können. Warum nur ist aus
LODESTONE nichts mehr geworden? Ich verstehe es nicht, wenn ich einen
solchen, sinisteren Hardrocksmasher hören darf. Die Synthies werden hier
sehr selbstverständlich eingesetzt und vertiefen nurmehr die Atmosphäre.
Von AOR Seichtheit war das wirklich weit entfernt.
Eher peacig setzt „Last days“ ein, hat einen schwebenden Westcoast
Einschlag, mit leicht folkigen Anklängen in der Melodieführung. Dann
aber kommen wildere Breaks im typischen Heavystil, ein wuchtig doomiger
Beat und ein schweres Hauptriff, schon ist wieder ein Epicmetalkracher
geboren. Ich kann über die aktuellen, pathosüberfrachteten Kitschbands
im epischen Metal nur gähnen, wenn ich solch frischen, ruppigen Stoff
genussvoll in meine Seele aufsauge. Dieses Mal gibt es unter den
furiosen Soli sogar eine zweite Spur für die dezente Rhythmusgitarre.
Die Band steckt mit Sicherheit noch tief in den 70ern. Ähnlich wie
MANILLA ROAD oder CIRITH UNGOL, die beiden etwas bekannter gewordenen
Epic Metal Kultbands aus der gleichen Epoche auf ihren Debütwerken. Ei
n weiterer ruhiger, dabei aber zutiefst beschwörender Song folgt mit
„One more on the shelf“. Und auch hier ist der ruhige Part nur eine
Einleitung, wird rasch von einem mittelschnell treibenden Heavyrock mit
eingängiger, sehr dramatischer Melodie und feurigen Soli abgelöst. Wäre
der Sound nur etwas professioneller, so wie bei BLACK SABBATH, RIOT oder
IRON MAIDEN, die Band hätte wesentlich mehr erreicht. Oh, ich bemerke
gerade, dass sich bei „One more on the shelf“ ruhige und heftigere
Momente ablösen, gekonnt, gekonnt. Man setzt auch auf zurückhaltend
wuchtige, aber treibendere Rockpassagen mit progressivem Ausdruck und
geheimnisvollen Melodien, welche die Sinne kitzeln, die Fantasie anregen
und den Hörer vollends gefangennehmen.
LODESTONE hatten, ähnlich wie viele ihrer Leidensgenossen aus dem US
Hardrockuntergrund, wirklich fantastische Stücke am Start, die sich
schon beim ersten Anhören als Ohrwürmer mit Langzeitwirkung entpuppten,
für die tumbe Masse aber wohl zuviel Tiefgang aufwiesen. Der
durchschnittliche Rocker war eben damals schon auf das angewiesen, was
ihm der Hai im Anzug in der Labelchefetage zum Fressen vorwarf. „Celebrate“
ist noch so ein düsterer Heavyrocker, welcher sogar im Solo ganz offen
auf BLACK SABBATH anspielt, irgendein Song von der „Sabbath bloody
sabbath“ wurde da zitiert. Ich habe eine meterdicke Gänsehaut. Eine
Martin Birch Produktion für dieses Album und Toni Iommi hätte sich warm
anziehen dürfen. Wo bleiben die ganzen Reissue Freak Labels, wenn man
sie braucht?
Abschließend gibt es „Kim's song“ zu hören, welcher schon sehr
theatralisch, emotionsgeladen beginnt. Dann zu einem schönen Mid Tempo
Rocker im besten NwoBHM Stil wird, dessen beschwörende Gesangslinie
einen augenblicklich gefangen nimmt. Die Soli brodeln, jaulen und tosen
Dir nur so um die Ohren, die Riffs schallen zornig und sogar eine
sphärisch – spacige Synthesizerpassage in der Songmitte wird geboten.
Mit fast zehn Minuten Länge ist das hier auch der ausladendste Track.
Mystisch, mit verspielt progressiver Struktur und einem Gefühl von
„kosmischer Musik“ geht es in einen eruptiven Heavy Metal Part mit
betörenden Leads über hypnotischem Beat. Und so sehr sich der Song auch
dreht und wendet, man hat nie das Gefühl, dass er auch nur eine Sekunde
aus dem Fluss käme. Die Leadgitarre tobt sich mal wieder aus, die Saiten
dampfen regelrecht. Ich wundere mich, dass heute kaum eine Band mehr
solche Songs schreibt, eigentlich ja gar keine mehr, eventuell noch
BROCAS HELM und SLOUGH FEG. Verspielt, komplex, aber nicht kompliziert,
immer im Fluss, melodisch und doch mystisch, geheimnisvoll, anregend.
Selbst mit aktuellerer Produktion müsste da doch ein gigantisches
Meisterwerk rauskommen.
Wenn ich diese Scheibe höre, dann komme ich nicht umhin die Höchstnote
zu zücken, selbst mit dieser ruppigen Produktion. Aber das Problem
hatten ja auch DARK QUARTERER mit ihrem Debüt. Ich glaube, ich habe eine
neue Platte für meine TOP 100 gefunden. Interessierte Fanatiker sollten
mal unter www.rockadrome.com den guten Dennis Bergeron (ehemals Monster
Records) kontaktieren und solange nerven, bis er einen Rerelease bringt.
Pflichtscheibe! |