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Die
70er sind ja wieder schwer im Kommen, weil gerade damals die Rockmusik
einfach frischer, inspirierter und leidenschaftlicher klang, ohne zu
viele Genredogmen und mit sehr ungezwungener Kompositions – und
Spielweise. Und da kommen stellvertretend für die neue Welle
urtraditioneller Rocker OGRE aus dem US Bundesstaat Maine ins Spiel.
Anders als bei vielen aktuellen Bands schwingen sie keine aggressiv –
stumpfe Stonerkeule, sondern orientieren sich am beseelten Spiel der
Frühzeit, klingen dabei aber frisch und wirklich inspiriert. Wäre da
nicht beim Opener der verzerrte Bass an einer Stelle, den man eher bei
britischen Hardcore / Metal Bands der späten 80er vermuten würde, kein
Mensch würde einem Glauben, daß OGRE eine aktuelle Band im Alter so von
Anfang bis Mitte 30 sind.
Kommen wir nun zu den Songs. „Dogmen (of planet Earth)“ nennt sich der
wild rockende Opener, welcher schon gleich mit einer herrlich schaurigen
Sci Fi Geschichte aufwartet, bei der es um zur Erde zurückkehrende
Weltraumreisende geht, die feststellen müssen, daß ihr ehemaliger
Heimatplanet nun von sehr hungrigen Hundemenschen bewohnt wird,
inklusive Gemetzel beim Rückweg zum Schiff natürlich. Ein markantes,
aber dennoch urtraditionelles und irgendwo wohlvertraut klingendes
Grundriff und die frech frivolen, etwas helleren, nasalen Vocals von
Bassist Ed Cunningham sorgen musikalisch für helle Freude. Klar, OGRE
erfinden den Heavyrock garantiert nicht neu, aber immerhin klingen sie
so, als hätten sie ihn gerade neu erfunden. Ross Markonish an der
Leadgitarre brennt einen mörderischen Lauf nach dem nächsten von ihrem
schlanken Hals, lässt sie wie einen getroffenen Hundemenschen aufjaulen,
erfüllt sie mit der Seele des Blues und der morbiden Schönheit des
Todes, welche dem Doom entströmt (der ja seine Wurzeln auch im Blues
hat, oder woher kommen BLACK SABBATH nochmal?). Schon hier wird klar,
das Zusammenspiel der Musiker ist traumwandlerisch. Einer legt vor, die
anderen steigen drauf ein, ohne daß sie großartig festgelegte
mathematische Songstrukturen brauchen. Pure Magie.
Richtig schmierig doomig geht es dann in „Soldier of misfortune“ weiter,
welcher einen mahnenden Mittelfinger in Richtung der Kriegstreiber im
amerikanischen Senat ausstreckt. Warum die Geschichte ausgerechnet aus
der Sicht eines Vietnamsoldaten erzählt wird, liegt wohl daran, daß
dieser Krieg für die USA die entwürdigendste Niederlage in ihrer
militärischen und politischen Geschichte war und zudem noch mit
grausamsten Mitteln geführt wurde, noch grausamer als der zweite
Weltkrieg vielerorts. Ross‘ Leadgitarre jault und brummt hier vollmundig
und betört den Zuhörer auf der Stelle, zum Ende hin bricht die doomige
Struktur des Stückes auf und man wird mit einem lockeren, treibenden
Boogeypart inklusiver schön ungezähmter Soli nochmals durchgepeitscht.
„The gas“ walzt tonnenschwer in bester alter 70er Doommanier aus den
Speakern, die Melodie ist so elegant simpel wie eindringlich gehalten,
daß sie sich augenblicklich in die Seele einfräst. Herrlich wieder das
Zusammenspiel der Musiker, an einer Stelle gibt es eine Betonung vom
Schlagzeug mit den Becken, von der jaulenden Leadgitarre und einem
jodelnden Schrei von Basser Ed, die ganz unisono im Song eingebaut sind.
Es ist nur eine kurze, aber sehr herausstechende Passage, die sehr
auffällig die Klasse der Band unterstreicht.
Gehen wir mal einen Schritt fort vom Doom, hin zum mächtig groovenden
70er Hardrock, jener wird bei „Woman on fire“ exzessiv zelebriert mit
brodelnden, eruptiven Riffs, einer Unmenge an sehr entfesselten, kaum
enden wollenden Wahwahsoli, die sich in ihrer Intensität mit zunehmender
Spieldauer noch steigern, ein paar schleppenderen Momenten und natürlich
der packenden, mitreißenden Eingängigkeit, die dem ganzen Genre zueigen
war und ist, insbesondere aber den Songs von OGRE, um die es hier geht.
Die Jungs fetzen wie besessen, sind dabei die coolsten Rocker auf Erden,
speziell der Nasalgott Ed Cunningham, der wie ein reinkarnierter Bon
Scott klingt, allerdings fieser, theatralischer, mystischer. Ein absolut
charismatischer Sänger.
Kultig wird es mit dem nächsten Stück, einer Coverversion der US
Doompioniere PENTAGRAM, die zeitgleich mit BLACK SABBATH den Lavarock
vorantrieben, ihn mit erfunden haben, leider aber nie die ihnen
zustehenden Erfolge feierten. „Review your choices“ heißt deren 99er
Album, so heißt auch dieser Song und doch ist er gar nicht so brandneu,
sondern entstammt, gleich einem Großteil des Repertoires PENTAGRAMS auf
ihren aktuellen Alben, den frühen bis mittleren 70ern. Der Song in der
OGREschen Fassung ist Doom, Blues, Hardrock, emotional, eigenwillig und
mitreißend. Natürlich ist es nicht leicht, PENTAGRAM Sänger Bobby
Liebling vom stimmlichen Ausdruck (weil, ein Techniker ist der nicht
wirklich) her nahezukommen, Ed Cunningham schafft das, auch wenn seine
Stimme komplett anders klingt. Es ist die Theatralik, dieses
beschwörende Element. Herrlich.
Noch zwei Songs, dann sind wir mit der Scheibe durch. „Sperm whale“ ist
ein zum größten Teil instrumentaler Rocker zwischen den üblichen OGRE
Zutaten, doomig, bluesig, treibend hardrockig, er fetzt mit
eindringlichen, packenden Riffs, richtig leidenschaftlichen Wahwahleads,
bei denen Band wie auch Zuhörer in einen Trancezustand fallen sollten,
bekommt dann aber eine für heutige Musik besondere Wendung. Ein
monumentales Schlagzeugsolo, wie es vor 36, 37 Jahren viele Bands am
Start hatten, selbst auf ihren Scheiben, wird hier äußerst wild und
lustvoll inszeniert. Drummer Will Broadbent ist ohnehin ein
Rhythmuswizard, nur am Wirbeln und am kloppen, die verrücktesten und
doch coolsten Figuren am Basteln, hier tobt er sich aus. Irgendwann
springt das Stück zum Ende hin in eine Passage mit spacig jaulender
Gitarrenarbeit, dazu einer straighten Basslinie und eben jenem eruptiven
70er Drumming über, auf der Basser Will ein paar Zeilen erzählt, dann
auch singt. Mit einem bluesigen Scream geht es wieder in den Anfangspart
zurück zum groovenden Hardrock. Man ist bis hierhin gekommen und restlos
begeistert, aber auch restlos ausgelaugt, denn diese Scheibe reißt mit,
fordert, schleudert Dich umher.
Nun darf man ausruhen, tief unten in modrigster Gruft, denn es ist Zeit
für einen der mystischsten, düstersten Doomsongs aller Zeiten. „Flesh
feast“, schrabt sich schwerfällig mit von morbiden Synthesizerklängen
untermaltem Grundriff aus den Boxen. Ross haut immer wieder herrlich
fantasievolle Melodiebögen in das schleppende Gewalze hinein, während Ed
einfach alles in Grund und Boden singt. Wow. Dies ist einfach eine
wahnwitzige Hymne reinsten Dooms. Ein monumentaler Abschluß für ein
monumentales und doch so bodenständiges Album. Solch ehrliche und
sympathische Band ist ein seltenes Vergnügen in unserer harten Rockmusik
geworden, also hegt und pflegt sie gut. CD gibt es direkt bei der Band
als Japan Import für 18,00 US$ inklusive Porto. Schreibt den guten Ross
doch mal an, der beißt nicht. |