|
"Erst wenn wir alles verloren haben, haben wir die
Freiheit, alles zu tun". Dieses Zitat des Brad Pitt-Charakters Tyler
Durden aus dem Kultfilm "Fight Club" scheint auf Dr. Uwe Boll's neusten
Kinostreifen, die umstrittene Actionkomödie "Postal", zu passen
wie die Faust auf's Auge!
Denn nachdem der kontroverse deutsche Regisseur, dessen polarisierende
Computerspiel-Verfilmungen ihm bisher eher zweifelhaften Ruhm
eingebracht haben, anno 2005 mit ansehen musste, wie sein damals
aktueller Streifen "Bloodrayne" trotz 20 Million Dollar Budgets und
beeindruckender Starbesetzung von den Kritikern regelrecht
zerrissen wurde, scheint es irgendwann "Klick" gemacht zu haben und der
Punkt war erreicht, von dem an es den guten Uwe einfach nicht mehr
kümmern sollte, was irgendein miesepetriger Internet-Nerd auf seinem
Web-Blog über ihn schreibt.
Anstatt also den Kopf in den Sand zu stecken und klein beizugeben, hat
Dr. Boll das einzig richtige getan, nämlich fortan voll auf
Kollisionskurs zu gehen und der ganzen Film- und Medienwelt den
sinnbildlichen Stinkefinger zu zeigen! Dieser Befreiungsschlag sonder
gleichen nahm im Herbst 2006 seinen Anfang, als Uwe Boll fünf seiner
ärgsten Kritiker zu Boxkämpfen herausforderten und einen nach dem
anderen auf die Matte schickte und geht nun, gut ein Jahr später, mit
dem deutschen Kinostart von "Postal" in die zweite Runde.
Denn auf der Vorlage eines politisch 100% unkorrekten und in Deutschland
prompt auf den Index verbannten Videogames hat der streitbare
Filmemacher mit "Postal" den mit Sicherheit skandalösesten und
unverblümtesten Film des Jahres auf die hiesigen Filmfans losgelassen
und getreu dem Motto "Jetzt erst recht" mit jedem nur erdenklichen Tabu
gebrochen und nichts und niemanden verschont gelassen. Und was außer den
beinharten Bollfans, zu denen natürlich auch ich mich zähle, kaum einer
erwartet hat, ist wirklich eingetreten: "Postal" ist nicht nur einfach
bloß provokant und wütend ausgefallen, sondern vor allem auch haben wir
es hier mit einem ungemein unterhaltsamen und schlichtweg urkomischen
Streifen zu tun, der neben allem Geblödel und Blutvergießen sogar noch
eine wirklich wichtige Message in die Welt hinausträgt.
Die Story von "Postal" verschlägt uns in das ironisch betitelte
US-Städtchen Paradise, wo ein tollpatschiges Weichei (Zack Ward)
händeringend versucht, einen neuen Job zu finden und so das wenig
glamourreiche Leben in einem heruntergekommenen Trailerpark ein für alle
mal hinter sich zu lassen. Doch das Schicksal meint es einfach nicht gut
mit unserem Protagonisten... das Vorstellungsgespräch in der örtlichen
Fabrik bleibt trotz allen Bemühens erfolglos, der Besuch beim Sozialamt
endet in einer wüsten Schießerei, zuhause treibt es die übergewichtige
Ehefrau mit der Hälfte der Stadtbevölkerung und der siffige
Hinterwäldler von nebenan reicht wegen jeder Kleinigkeit Beschwerde ein.
Als ihm dann auch noch ein aufdringlicher Gangster eine Knarre vor's
Gesicht hält, platzt unserem Helden wider Willen endgültig der Kragen
und er begibt sich auf einen schießwütigen und völlig irren Amoklauf,
der keinen Stein mehr auf dem anderen lässt!!
Zusammen mit seinem bekifften Onkel Dave (Dave Foley), einem
zugedröhnten Hippie und Sektenguru, sowie dessen schmierigem Handlanger
Richard (Chris Coppola) und einer Horde vollbusiger Blondinen macht
sich der fortan als "Postal Dude" bekannte Anti-Held nun auf zum
neu
eröffneten Nazi-Freizeitpark "Little Germany", um dort eine Ladung superseltener
"Krotchy-Doll" Penispuppen zu stehlen und mit dem Verkauf selbiger auf
Ebay Millionen zu scheffeln.
Unglücklicherweise jedoch haben es Staatsfeind Nummer Eins, Osama
Bin Laden (Larry Thomas), und seine Al Qaeda-Kämpfer ebenfalls auf die heiß begehrten
Krotchy-Dolls abgesehen, denn sie wollen die niedlichen und bei den
Kindern der westlichen Welt ungeheuer beliebten Knuddelpenisse mit der
asiatischen Vogelgrippe infizieren und die todbringende Krankheit auf
diese Weise in ganz Amerika verbreiten.
Es kommt also inmitten der von Bratwurstfett, Dirndls und Lederhosen
geschwängerten Idylle "Little Germanys" zum unvermeidbaren
Aufeinandertreffen beider Parteien und im wilden Kugelhagel kommen dann
auch nicht nur der Gründer des Nazi-Freizeitparks, Uwe Boll persönlich,
und unzählige seiner treu ergebenen Mitarbeiter zu Tode, sondern eine
ganze Reihe unschuldiger kleiner Kinder wird ebenfalls von den
umherschwirrenden Maschinengewehrkugeln umgenietet.
Zugegeben, solch ein heil- und schamloses Gemetzel mit anzusehen ist
schon etwas bizarr, Uwe Boll hat es jedoch in "Postal" meisterhaft
fertig gebracht, selbst die an und für sich gröbsten und respektlosesten
Gags mit einem gewissen Charme und Witz in Szene zu setzen, so dass man
gar nicht anders kann, als über das wüste Treiben zu lachen.
"Postal" versteht sich halt als eine bissige, schonungslose Satire auf
die vermurkste politische Lage der von Angst, Hass und Selbstzensur
dominierten Welt, in der wir spätestens seit den Anschlägen vom 11.
September zu leben haben... und da Satire bekanntlich nie funktioniert,
wenn sie einfach bloß zahm und lieb ist, überspannt Dr. Boll bei "Postal"
den Bogen auch bis zum Äußersten und reizt die Grenzen des schlechten
Geschmacks bis zum Umfallen aus.
Vor nichts und niemandem wird hier halt gemacht, denn "Postal" hält der
gesamten Menschheit einen Spiegel vor und stellt wirklich alles und
jeden an den Pranger. Dieser Film macht keine Unterschiede zwischen
Hautfarben, Abstammungen, Glaubensrichtungen, politischen Gesinnungen
und sonstigen Nebensächlichkeiten, nein, hier werden alle Menschen
gleich behandelt und getreu der Devise "Jeder Mensch hat das Recht
verarscht zu werden" werden sie alle gleichermaßen durch den Kakao
gezogen. Vom kleinkriminellen Straßengangster und schießwütigen
Trailerpark-Bewohner, über den geschmierten Beamten und spießigen
Kleinbürger bis hin zum religiösen Führer und einflussreichen
Staatsoberhaupt kriegt hier wirklich jeder sein Fett weg, ja selbst der
Hund der sein Geschäft nicht im Garten sondern direkt vor der Haustür
erledigt, darf sich letztlich ein paar böse Töne anhören.
Wo andere Filmemacher rot anlaufen und pikiert den Schwanz einkneifen
würden, da fängt für Uwe Boll der Spaß erst richtig an. Er präsentiert
uns George W. und Osama als knuffige Kumpels, die Hand in Hand dem
Sonnenuntergang entgegenschlendern, er setzt uns einen schwarzen
Rassisten vor, der Rollstuhlfahrer ausbeutet und Asiatinnen über den
Haufen ballert, er konfrontiert uns mit durchgeknallten
Endzeitsektjüngern, die das Ende aller Tage dadurch einleiten wollen,
dass sie einen kleinwüchsigen Medienstar (Verne Troyer) einer Horde
liebestoller Schimpansen vorwerfen und er lässt eine superscharfe
Blondine mit braun verschmiertem Mund vom Gangbang zurückkommen und mit
Tränen in den Augen verkünden, dass sie soeben nicht bloß Schokolade
genascht hat...
Wir kriegen Muskelprotz und "Conan"-Darsteller Ralf Möller als
Donut-mampfenden Polizisten zu sehen, der seinen korrupten Kollegen beim
Sex mit einer überaus fülligen Nymphomanin filmt, wir werden Zeuge wie
Uwe Boll selber an einem Schuss in die Krohnjuwelen stirbt und mit den
Worten "Ich hasse Videospiele" abtritt und in einer der lustigsten
Szenen, die ich je gesehen habe, dürfen wir mit ansehen wie Comedy-Ikone
Dave Foley (u.a. "Scrubs" und "Will und Grace") sich mit einer handvoll
üppig bestückter Gespielinnen auf dem Bett vergnügt, dann plötzlich von
seinem Handlanger Chris Coppola unterbrochen wird, nur mit einem nicht
zugeknöpften (!!!) Bademantel bekleidet aufsteht und für die nächsten
gut und gerne 30 Sekunden sein bestes Stück in voller Pracht in die
Kamera hält. Als wenn das nicht schon genug wär, setzt er sich --
wohlgemerkt während er weiterhin ganz ungeniert mit seinem Assistenten
quatscht -- auf eine Toilette inmitten des Raumes, verrichtet sein
Geschäft, tupft sich sein Teil mit dem Bademantel ab, steht wieder auf
und führt das Gespräch, noch immer im Adamskostüm, zu Ende...
Solcherlei Unverfrorenheit kennt man vielleicht gerade noch einmal aus
einem gewagten Independentstreifen Marke "Troma", in einem
millionenschweren, stargespickten Kinofilm, der weltweit in den
Lichtspielhäusern läuft und auf DVD erscheint, hat sich so etwas aber
zumindest meines Wissens nach noch niemand getraut!!
Und hier liegt dann auch der Hase im Pfeffer, denn ob man über die
teilweise schon sehr speziellen Gags von "Postal" nun lachen kann oder
nicht, eines muss man dem Film einfach zugestehen. In Zeiten, da jeder
selbsternannte Political Correctness-Jünger den mahnenden Zeigefinger
fast im Minutentakt schwingt, hat Uwe Boll einen Film geschaffen, der
sich nicht die Bohne um all die aufgesetzte und übertriebene
Gutmenschlichkeit schert und mit all seiner Dreistigkeit und
Unverblümtheit zu einem regelrechten Mahnmal gegen jegliche Zensur und
Beschneidung in der Film- und Medienwelt avanciert.
Denn wenn Uwe Boll mit einem Film wie "Postal" wirklich davon kommt und
trotz aller Anrüchigkeiten, Tabubrüche, Gewaltverherrlichungen und
Sexdarstellungen von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien
sogar noch eine milde FSK16-Einstufung erhält, dann ist der Zensur hier im
Lande sicherlich ein mächtiger Tritt vors Schienbein verpasst worden!!
Gerade vor diesem Hintergrund würde ich mir dann auch besonders
wünschen, dass "Postal" die nationalen wie internationalen Kinokassen
ordentlich klingeln lässt und zum echten Box Office-Schlager
heranwächst, denn je mehr Staub dieser kontroverse und skandalträchtige
Streifen aufwirbelt, desto mehr kann er seinen Beitrag für freie
Meinungsäußerung innerhalb der Medienlandschaft leisten. Hinter all den
Flachwitzen und Blödeleien steckt also durchaus eine wichtige und
hörenswerte Message, die nicht einfach unter den Teppich gekehrt und
außer Acht gelassen werden sollte... wenn es hart auf hart kommt, dann
hat "Postal" wirklich einiges mehr zu bieten als bloß Peniswitze und
Dumpfbackenhumor!!
Wer also schon immer einmal wissen wolle, wie "South Park" oder
"Team America" aussehen würden, wenn statt Trickfilmfiguren oder
Marionetten echte Schauspieler über die Leinwand wuseln, oder wie ein Troma-Film mit Multimillionendollar-Budget ausfallen würde,
der sollte am
besten noch dieses Wochenende ins Kino gehen und sich "Postal" reinziehen!!
Ich versprech euch, wenn ihr auch nur im Entferntesten auf den Humor von
Leuten wie Trey Parker, Lloyd Kaufman, James Gunn oder auch den Monty
Pythons abfahrt, dann werdet ihr euch bei "Postal" mit Sicherheit vor
Lachen im Kinosessel biegen!!
Denn auch wenn letzten Endes nicht jeder Gag vollends ins Schwarze
trifft und man in Sachen Tabubruch hin und wieder einen Tick zu plakativ
und offensichtlich vorgeht, so liegt hier unterm Strich doch ein sehr
wichtiger und absolut empfehlenswerter Streifen vor, der ein an und für
sich sehr ernstes Thema sprichwörtlich an den Eiern packt und es mit
einem wahren Trommelfeuer an Gags durchlöchert wie einen Schweizer
Käse!!
Alles in allem handelt es sich bei "Postal" nicht nur um den meiner
Meinung nach besten Film, den Uwe Boll bisher gedreht hat, sondern vor
allem auch um einen der lustigsten und urkomischsten Streifen, die in
den letzten Monaten über die deutschen Kinoleinwände geflimmert sind!!
Ich jedenfalls hab an vielen Stellen wirklich Tränen gelacht und bin
ernsthaft am überlegen, ob ich nicht gleich nächste Woche noch mal ins
Kino geh und mir "Postal" ein zweites Mal reinzieh!! Lohnen
würde es sich allemal... |