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Die
Musik auf dem vorliegenden Album entstand schon 1970, daher sollte man
sich nicht darüber wundern, daß hier kein rasender Powermetal, sondern
entspannter und doch oft sehr entfesselter Heavyrock mit feurigem
Gitarren – und Orgelspiel zu finden ist, wie der komplett explodierende
Schlußpart von „River“, dem eröffnenden Track uns unter Beweis stellt.
Der Sound der Scheibe wird sicherlich heutigen Standards nicht mehr
gerecht, ist aber lebendig und ehrlich, man hat das Gefühl, als stünde
die Band direkt neben einem. Sleepy John standen immer noch an der
Schwelle von den 60er Psychedelicbands zum 70er Hardrock. Ausladende,
die Sinne raubende Jams und Soloparts gehören ebenso zum Repertoire wie
geradlinige, aggressiv treibende Momente mit eindringlichen Melodien.
Gerade der oft ekstatisch wirbelnde Drummer ist eine absolute Ohrenweide
und nur ein kleiner Teil des packenden Gesamtbildes. Die Stücke sind
verspielt, fließen aber sehr natürlich voran und bleiben
nachvollziehbar. Ein paar Freakouts hier und dort lassen den Fluß der
Stücke nicht stocken. Auch wenn die Gitarre nicht immer übelst verzerrt
klingt, die sehr hingebungsvolle Art, wie sie bearbeitet wird, erweckt
das Gefühl von immenser Wucht. Ab und an wird die Fuzzbox eingeschaltet
und ein brodelnder Zerrklang schleicht sich ein und säbelt Dir die
Bauchdecke auf. Nach zwei harten Rockern braucht übrigens jede Band
einmal eine Pause, da kommt eine mit üppigen Orgelarrangements
versehene, in Melancholie schwelgende Ballade wie „Nothing“ gerade
recht. Auch hier gibt es einige Augenblicke, in denen sich die Band der
Dramatik des Stückes halber in lautere Gefilde begibt, die dann aber
wieder den sanftmütig dahinschwebenden Passagen Platz machen. Oder man
beachte die vollkommen irre instrumentale Mittelpassage von „Dragons“,
welche mit manischen Leads vollkommen hypnotisierend wirkt. Der Hardrock
ist hier nicht alleiniges Stilmittel, auch softere, versponnen
schwingende Songs mit leichtfüssigerem Ausdruck werden kurzerhand
eingeflochten, beschwören eine friedvolle Sommerstimmung herauf mit
ihrem tänzelnden Beat und der betörende Melodien singenden Leadgitarre.
Das war damals, 1969/70 eben noch so Usus, nicht eindimensional zu
denken und zu komponieren und doch das Material durch einen markanten
Punkt wie aus einem Guss klingen zu lassen. Das ist Sleepy John
geglückt. Vergleicht man diese Band mit der heutigen Mainstreamrockmusik,
sollte man immer mit vor Ekel verzerrtem Gesicht der modernen,
uninspirierten Plastikmucke den blanken Arsch zuwenden, um es mal salopp
zu sagen. Entweder wird heute psychotisch gebrüllt, gelangweilt
herumgenölt oder gejammert. Sleepy John hatten Leidenschaft und
ungezähmte Lust in ihren Stücken, wechselten gerne die Passagen von den
Hauptthemen hinein in Jams, aus denen komplett abgeflogene Soloeinlagen
oder den Hörer in Trance und Ekstase versetzende Melodien und Läufe
hervorgingen. Wie beim eigentlich schwebenden „Seasons“, in dessen
Mittelteil nach osteuropäuischer Folklore und Psychedelic Heavyrock
klingende Passagen eingegliedert werden, zwischen denen die Band locker
und ohne Stockungen wechselt. Der Song allein hat mehr verschiedenartige
Passagen als manche Band in ihrer gesamten Diskographie. Er schwillt an,
wird sehr intensiv und zwingt Dich zum Veitstanz, er fließt in
schwebendere Momente über, gerät in verspielte, Abschnitte hinein mit
verdrehten Brücken, wird dann geheimnisvoll und dunkel, rockt
bodenständig und endet mit einem Schrei und Gitarrengefiedel nach der
Wiederkehr der folkig anmutenden Läufe aus dem Mittelteil. Wow...ich muß
mich erst mal setzen. Ein irgendwo zwischen Country und Klamauk
angesiedelter Song schließt sich an. „Losing my plow“. Beinharte Rocker
mit Scheuklappen werden jetzt laut aufschreien, als komödiantische
Einlage ist das hier allerdings sehr erfrischend. Spielerisch, das merkt
man gleich, sind Sleepy John bei den hochklassigen Bands zu suchen.
Immer wieder bringen sie Einfälle, die das Material sehr
abwechslungsreich machen und natürlich erfordern, daß man sich öfter
damit beschäftigt. Für reine Hardrockfanatiker wird die Scheibe zum
Spießrutenlauf, das kann ich schon jetzt behaupten. Man bringt bluesige
Einlagen, die so verschmitzt wirken, daß es schon parodistischen
Charakter hat und das nicht einmal, aber man bringt dies so ehrlich und
authentisch, daß man es der Band einfach abnimmt. Wenn man sich also an
eine sehr vielschichtige Band mit ebensolcher CD herantraut, sollte man
sich Sleepy John mit dem selbstbetitelten Erstling auf den
Einkaufszettel kritzeln. Genügend Persönlichkeit besitzt hier selbst der
standardisierteste Blues, daß man von mangelndem Wiedererkennungswert
wohl kaum sprechen kann. Es macht einen Heidenspaß, den vier jungen
Herren bei der Darbietung zu lauschen. Ähnlich geartet, vielleicht etwas
wilder, war das erste Led Zeppelin Album, welches gut anderthalb Jahre
zuvor erschien. Sleepy John hatten leider nie das Glück einer regulären
Veröffentlichung, erst 2004 erbarmte sich das US Label Gear Fab, die
beiden 70er Aufnahmesessions als CD rauszuhauen. Das Ergebnis spricht
für sich.
Die CD ist schön aufgemacht mit Bandgeschichte und Illustrationen. Mit
knapp 73 Minuten ist sie auch nicht zu kurz. |